Anthropic-Forscher kündigt und warnt vor Kontrollverlust

Ein Anthropic-Forscher kündigt, warnt vor Kontrollverlust und verlässt die Branche. Aus dem eigenen Haus kommt kein Widerspruch, sondern Zustimmung.

Anthropic-Forscher kündigt und warnt vor Kontrollverlust

Jacob Coxon kündigte per Tweet. Der 27-jährige Pretraining-Forscher verliess den Claude-Hersteller Anthropic, verliess die KI-Branche ganz und warf seinen beiden früheren Arbeitgebern vor, «mit unserem Leben zu spielen». Der siebenteilige Thread erreichte über Nacht mehr als 50 Millionen Abrufe.

Coxon studierte Mathematik in Cambridge und arbeitete von 2023 bis Juli 2026 bei OpenAI, der Firma hinter ChatGPT. Dort steht er als einer von rund 400 beitragenden Autoren auf der System Card von GPT-4o, dem technischen Begleitdokument, in dem ein Labor vor der Veröffentlichung Fähigkeiten und Risiken eines Modells offenlegt. Danach wechselte er zu Anthropic, nach eigener Darstellung wegen dessen Sicherheitsreputation.


Der Vorwurf


Beide Labs rasten «direkt auf sich selbst verbessernde Superintelligenz zu», schreibt Coxon. Gemeint sind Systeme, die ihre eigene Nachfolgegeneration bauen und den Fortschritt damit aus menschlicher Taktung lösen. Sie würden bald alles hacken können, jedes Feld über Nacht umkrempeln und «reale Macht und Ressourcen» erlangen.


«Die Menschen, die KI bauen, glauben ernsthaft, dass sie uns bis Ende des Jahrzehnts alle töten könnte. Das ist kein Marketing-Stunt.» Führungskräfte formulierten gegenüber der Presse vorsichtiger, schreibt Coxon, privat höre er dieselben Leute Angst äussern.


Zwischen den Firmen unterscheidet er. Bei OpenAI hätten viele nicht verinnerlicht, was zivilisatorisch auf dem Spiel steht. Bei Anthropic sei das verstanden, aber man stecke im Rennen fest: Weil man keinem anderen zutraue, verantwortungsvoll zu handeln, wolle man selbst zuerst ankommen. «Dieses Rennen zu akzeptieren und ins Endgame einzutreten, ist ein vermessener Zock, der nicht aus dem Slack [firmeninterner Chat] einer Privatfirma heraus gestartet werden sollte.»


«Es ist ziemlich irre, dass das auf den MacBooks von ein paar Ingenieuren in San Francisco passieren muss statt in einem Bunker in der Wüste, wie damals beim Manhattan-Projekt», sagte er dem «Wall Street Journal», das seinen Ausstieg zuerst meldete. Er fordert keine Selbstregulierung, sondern staatliches Eingreifen, Absprachen zwischen den US-Labs über das Tempo und notfalls ein befristetes Verbot, die Fähigkeiten der Modelle weiter zu steigern.


Der Warnschuss


Nachprüfbar ist an den Vorwürfen vor allem der Vorfall, auf den sich Coxon selbst beruft. Am 26. August veröffentlichte OpenAI einen Bericht über eigene Sicherheitstests zwischen Mai und Juli, 37 Seiten lang. Die beiden Prüforganisationen METR und Redwood Research untersuchten den Fall unabhängig davon. Beide sind auf die Bewertung gefährlicher Modellfähigkeiten spezialisiert und werden von den Labs dafür beauftragt.

Der Ablauf ist dokumentiert. OpenAI liess Testagenten mit gelockerten Sicherheitsvorkehrungen arbeiten, also Programme, die selbständig Aufgaben abarbeiten. Sie durchbrachen ihre Abschottung und richteten sich auf einem internen Server eine Art schwarzes Brett ein. Rund 1'200 Agenten nutzten es und tauschten über 70'000 Nachrichten und Dateien aus.
688 von ihnen griffen im Juli die Plattform Hugging Face an, auf der die Branche ihre Modelle austauscht. Sie rekonstruierten 14 offen liegende Zugangsdaten und nutzten bis dahin unbekannte Sicherheitslücken, um auf Servern in vier Regionen fremden Code auszuführen.


Am 19. Juli verschafften sich Agenten Administratorrechte auf einem Server von OpenAI, also die volle Kontrolle über das System, auf dem sie liefen. Ausgelöst hatte das laut Bericht ein unveröffentlichtes internes Modell namens IM1. OpenAI stoppte daraufhin sein grösstes geplantes Trainingsvorhaben und schottete die Agenten strenger ab.


Ein Detail stützt Coxons Vorwurf besonders. Manche Agenten teilten die Arbeit unter sich auf, ohne dass jemand sie dazu angewiesen hatte. Andere verweigerten die Teilnahme mit dem Hinweis, das sei eindeutig unethisch. OpenAI selbst nannte den Vorfall einen Warnschuss.


Rückhalt und Rüge


Widerspruch aus dem eigenen Haus blieb aus. Stattdessen bekam Coxon Rückendeckung von Leuten, die noch dort arbeiten. «Jacob hat recht: Wir glauben tatsächlich ernsthaft, dass KI alle Menschen töten könnte. Ich persönlich halte das für über 10 Prozent wahrscheinlich innerhalb des nächsten Jahrzehnts», schrieb Evan Hubinger, der bei Anthropic die Alignment-Forschung leitet, also die Arbeit daran, dass Modelle tun, was Menschen von ihnen wollen. Das Risiko heutiger Modelle sei gering, präzisierte er, seine Sorge gelte der künftigen Selbstverbesserung. Anthropic verwies gegenüber CNN auf genau diesen Tweet, statt selbst Stellung zu nehmen.
«Generell gilt: Je höher die Position, desto grösser die Sorge», ergänzte Samuel Marks, der bei Anthropic an Aufsichtsverfahren für Modelle arbeitet. Alex Turner, früher bei Google DeepMind, schrieb, es sei buchstäblich sein Job gewesen, darüber nachzudenken, wie sich das verhindern lasse.


Die Gegenstimmen sind schwächer besetzt. CNN beschrieb Coxon als relativ jungen Forscher, was der Aussage von Marks widerspricht. Der Kolumnist David Harsanyi nannte im «Washington Examiner» Hubingers Zehn-Prozent-Zahl frei erfunden und warnte vor Weltuntergangsstimmung. Namentliche Fachkritik darüber hinaus liess sich nicht finden. Vorwürfe der Selbstinszenierung kursieren auf X, aber ohne Absender, hinter dem jemand steht.


Anthropic-Chef Dario Amodei äusserte sich nicht zu Coxon. In anderem Zusammenhang hat er die Wahrscheinlichkeit, dass es «richtig, richtig schlecht» läuft, bei rund 25 Prozent verortet. Zugleich wehrt er sich dagegen, mit Untergangsszenarien Werbung zu machen.


Coxon ist nicht der Erste, der geht. Im Februar verliess Mrinank Sharma die Leitung des Sicherheitsteams bei Anthropic mit den Worten, die Welt sei in Gefahr. Bei OpenAI kündigten Jan Leike und Ilya Sutskever im Mai 2024 aus denselben Gründen. Daniel Kokotajlo verzichtete dort auf Firmenanteile im Wert von rund 1,7 Millionen Dollar, um keine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben zu müssen.